
Der Autor Jens Peter Launert (Foto: Facio)
musikschulwelt spricht mit Jens Peter Launert über sein neues Bücherprojekt
Im MediaBuch Verlag hat der Musikjournalist Jens Peter Launert die ersten beiden Bände einer neuen Biografienreihe über die großen klassischen Komponisten veröffentlicht. musikschulwelt begab sich in die Schreibwerkstatt des 42-jährigen gebürtigen Hamburgers, der mittlerweile in München seine Zelte aufgeschlagen hat, und sprach mit ihm über seine Arbeit, das aktuelle Bücherprojekt, die junge Klassikszene und seine persönlichen Vorlieben …
musikschulwelt: Auf knapp 70 Seiten Leben und Werk der großen Komponisten darstellen zu wollen, ist eine große Herausforderung und zugleich ein Wagnis. Wie sind Sie dabei vorgegangen, welche Schwerpunkte setzen Sie?
Meine Bücher erzählen nicht bereits vorhandene Biografien komprimiert nach und sind auch keine »Wikipedias« in Buchform. Ziel ist, in einem literarisch-lockeren, jedoch nicht übertrieben trivial-jugendlichen Sprachstil das Leben der porträtierten Komponisten allgemein verständlich und ansprechend zu erzählen. Musik ist ein Thema für jeden Menschen.
Kein Schnee bei Mozarts Beerdigung
Es sind inhaltlich auch neue oder unbekannte Fakten zu Persönlichkeit und Musik des Komponisten enthalten, verbreitete Irrtümer werden richtiggestellt (So hat es bei Mozarts Begräbnis nicht geschneit!). Annahmen von Wissenschaftlern, die oft als Tatsachen kommuniziert sind, werden von mir auch als Annahmen gekennzeichnet (etwa Beethovens Widmung »Für Elise« an die Opernsängerin Elisabeth Röckel).
Ich habe mit Christoph Schlüren einen sehr kompetenten wissenschaftlichen Berater an meiner Seite. Wir haben die wichtigsten Stationen der Komponisten gemeinsam aufgezeichnet, vorhandene Dokumente wie Briefe u.Ä. gesammelt und das schöpferische Werk in seiner Entwicklung angeschaut. Darüber haben wir den zeit- und musikgeschichtlichen Hintergrund gesetzt. Das war viel Arbeit, die Bücher wären in der ersten Variante jeweils 7.000 Seiten lang geworden. Das war das »Wagnis«, wie Sie sagen, bei der inhaltlichen Dichte in der deutlichen Fokussierung entweder zu oberflächlich oder unvollständig zu agieren.
Aus 7.000 werden 70 Seiten …
Ob das gelungen ist, kann das Publikum besser sagen als ich, natürlich fehlen viele Details. Aber dafür entsteht dennoch ein tiefer Eindruck, den die Leserschaft ja nach Belieben selbst weiter vertiefen kann, unter anderem mit der Lektüre einiger von mir zitierter Bücher. Meine Biografien gewinnen somit ihre Gestalt und Objektivität auch als sensibel gestaltete Zitatsammlungen, die zusätzlich auch meine eigene subjektive Meinung zum Komponisten transportieren.
musikschulwelt: Ihre Zielgruppe ist in erster Linie also der musikalische Laie bzw. der Jugendliche?
Mich würde es freuen, wenn vor allem junge Menschen, Musikschüler, Studenten von heute sich die Zeit nehmen, das Leben der klassischen Komponisten, die für die Wurzeln (auch) der (Pop-)Musik unserer Zeit verantwortlich sind, mit einem Buch kennenzulernen und nicht nur über »Apps« oder dergleichen.
Die Zielgruppen werden wir freilich erst jetzt, nach Erscheinen, wirklich erkennen können. Jedenfalls ist es nicht in erster Linie der Wissenschaftler. Und auch nicht unbedingt der Klassik-Hardcore-Fan, der bereits mehrere Biografien eines Komponisten im Schrank hat, ein Opern-Abo und eine klassische Schallplattensammlung geerbt hat …

ISBN 978-3939266013, geb., 62 Seiten, 9,95 EUR
Und auch Menschen, die noch nie tiefer oder noch überhaupt gar nicht mit Klassik in Berührung kamen, wären mir als Leserinnen und Leser wichtig. Vielleicht besuchen sie ja nach der Lektüre erstmals ein Konzert, kaufen eine Klassik-CD? David Garrett war deshalb in meinem Mozart-Buch Wunschautor für ein Essay. Er ist ein sehr guter Geiger, macht Crossover in großen Konzerthallen, spielt auch auf höchstem Niveau Klassik. Jugendliche hören ihm gerne zu, das ist wichtig. Diese Vielseitigkeit seiner Kunst zeigt, wie sehr wir oft in Schubladen denken, die es gar nicht gibt. Dass er gestylt ist wie Captain Jack Sparrow aus »Fluch der Karibik« mit Geige, ist für mich völlig ok und zeitgemäß. Die Kastraten des Barock hatten ja auch nicht gerade einen schlichten »Dresscode«, auch damals waren außermusikalische Effekte wichtig, es gab Feuerwerk bei den Konzerten.
David Garrett und Olga Scheps als prominente Gastautoren
Hier die künstlich geschaffenen Grenzen und Barrieren aufzuweichen, wäre ein Ziel für mich. Dabei sind die jungen Interpreten als Gastautoren für die Bücher sehr wichtig. Die Pianistin Olga Scheps, die ein wunderbares Essay für mein Chopin-Buch verfasst hat, tritt als junge Pianistin ebenso bei Stefan Raab in »TV Total« auf, wie sie in einem Klassik-Fachmagazin interviewt wird. Und sie hat in beiden Formaten die gleiche Botschaft, mit der sie auch verstanden wird. Auch Klassik Radio-Moderator Holger Wemhoff, der das Vorwort der Edition geschrieben hat, steht für die Vermittlung klassischer Musik an alle Menschen, nicht nur an das Publikum mit (Vor-)Bildung.
musikschulwelt: Attraktiver Mehrwert Ihrer Bücher ist ja eine beiliegende Audio-CD mit ausgewählten Kompositionen des jeweiligen Komponisten. Nach welchen Kriterien wurden die zu hörenden Stücke zusammengestellt?
Hier sind natürlich vor allem die involvierten Klassik-Stars zu nennen. Es ist jeweils ein Musikstück von David Garrett bei Mozart und von Olga Scheps bei Chopin zu hören. Es ist eine Auszeichnung für die Buchreihe, dass die Musiklabels Deutsche Grammophon (Garrett) und Sony Classical (Scheps) uns hier die Erlaubnis für die Nutzung der Aufnahmen erteilt haben. Wir mussten uns natürlich bei der Auswahl der weiteren Titel nach dem Budget für die Urheberrechte richten. Dennoch ist es gelungen, zentrale Werke, die auch jeweils im Buch erwähnt werden, hörbar zu machen. Dabei sollten die verschiedenen Gattungen vorgestellt sein. Bei Mozart durfte die Oper nicht fehlen, bei Chopin nicht etwas aus den Klavierkonzerten. Ich hätte gern ein Lied von Chopin dabeigehabt, das war uns aber (noch) nicht möglich.
Bach und Vivaldi warten in den Startlöchern
musikschulwelt: Als erste Bände sind also Wolfgang Amadeus Mozart und Frédéric Chopin erschienen. Auf welche weiteren Titel darf man sich in näherer Zukunft freuen?
Es liegen jetzt Manuskripte zu Bach, Beethoven, Vivaldi, Brahms vor. Nach dem Erscheinen der ersten beiden Bände haben wir sehr viele unterschiedliche Reaktionen erhalten, einerseits zum Inhalt, andererseits zum Konzept selbst und auch zur Aufmachung. Viele Leserinnen und Leser wünschen sich für die kommenden Bände und die Zweitauflagen der bereits erschienenen Bücher eine frischere modernere Optik, mehr Bilder, plakativ gesetzte Zitate, eine bessere Zuordnung der CD zum Buch. Das werden wir gern umsetzen, wir freuen uns immer über Anregungen und Kritik. Als Nächstes werden Bach und Vivaldi erscheinen, ich kann aber noch nicht genau sagen, wann. Auch Hörbuchversionen sind im Gespräch.

ISBN 978-3939266020, geb., 74 Seiten, 9,95 EUR
musikschulwelt: Bei Ihrer intensiven Beschäftigung mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten der Musikgeschichte drängt sich die Frage auf: Welcher Komponist hat Sie biografisch-charakterlich am meisten beeindruckt?
Mir ist bei meiner Arbeit Chopin in seiner Introvertiertheit sehr nahegekommen. Seine Entwurzelung von der Heimat, sein einsames Exil als Pole im Paris des 19. Jahrhunderts, seine Kränklichkeit, seine unerfüllte Liebe zu Maria Wodzinska (ihre Mutter löste die Verlobung auf, Chopin hatte offenbar nicht genug Kraft, darum zu kämpfen), die er nie verwunden hat und deren Verlust ihn vielleicht in die unselige Verbindung mit dem Mannsweib George Sand getrieben hat, haben mich sehr berührt. Mir wurde erst mit meinem Buch klar, wie radikal Chopin als Komponist war und wie ungerecht der Vorwurf des Süßlichen gegenüber seiner Musik heutzutage ist.
Chopin – radikal, scheu, distanziert und doch so vertraut
Chopins Werke sind die perfekte Balance zwischen Komposition und Improvisation, und Formen wie Ballade, Nocturne, Klavier-Walzer wären ohne ihn heute undenkbar. Er hat sich am Klavier ausgedrückt, als wäre er selbst ein Klavier gewesen. Sein Stil ist der vielleicht am meisten unverwechselbare eines Komponisten überhaupt. Er ist mir so vertraut und gleichzeitig ist es die Unnahbarkeit seiner Person, die mich in seiner Musik anspricht, traurig machen kann. Chopin muss sehr scheu gewesen sein.
musikschulwelt: Und welche Musik steht in Ihrem CD-Regal ganz vorn?
In meinem CD-Regal finden sich aktuell im Klassik-Segment gern »Der verzauberte See« von Anatolj Ljadow, dirigiert von Pappano, wunderbar romantische russische Traummusik, ideal für Vollmondnächte. Auch die Bach-Aufnahmen von Murray Perahia höre ich regelmäßig, zur Beruhigung. Ansonsten viel Filmmusik, Stücke von Yann Tiersen, nicht nur aus »Amélie«, von dem Münchner Komponisten Facio Gitarrenwerke wie »Gibraltarios«. Auch »Doors Concerto«, Bearbeitungen von Jaz Coleman (ehemaliger Sänger der Punkband »Killing Joke«) von Musik der »Doors« mit Nigel Kennedy höre ich oft, aber nicht zur Beruhigung. Dazwischen finden die CD »Shtetl Superstars« von »Russendisko«-DJ Yuriy Gurzhy und das Album »Licensed To Swing« vom Pasadena Roof Orchestra gern den Weg in meinen CD-Player …
musikschulwelt: Herzlichen Dank für das Gespräch!















