Dokumentarfilmer Vadim Jendreykow begleitet das Enstehen einer Parsifal-Inszenierung
»Die singende Stadt« ist die Staatsoper Stuttgart – eines der weltweit führenden und größten Opernhäuser mit rund 800 Räumen und 1300 Mitarbeitern. Pro Jahr werden dort zehn Opernaufführungen produziert. Das sind die wenigen direkten Informationen, die der Film dem Zuschauer mit auf den Weg gibt, ehe er selbst eintauchen kann in den weitgehend unbekannten Kosmos hinter der Opernbühne.
Der Film ist mehr als ein Besuch in den labyrinthischen, unübersichtlichen und teilweise auch chaotisch anmutenden Räumlichkeiten der Ateliers und Werkstätten, des Kostümfundus, der verschiedenen Proberäume, Garderoben und Bühnentechnik. Das Besondere ist, dass hier auch unmittelbar die Entstehung einer Aufführung des »Parsifal« begleitet wurde, wie sie sich über Monate entwickelte von der ersten Besprechung zwischen den künstlerischen Leitern und dem Ensemble bis hin zur Aufführung. Der Dokumentarfilm nimmt eine rein beobachtende Haltung ein, nichts wird erklärt oder kommentiert. Viele Einzelszenen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen fügen sich zusammen zu einem spannenden Einblick in den künstlerischen Produktionsprozess.
Aus Chaos wird Kunst
Dass dieser Prozess nicht linear durchgeplant verläuft und auch von Konflikten und Kompromissen geprägt ist, wird von Anfang an deutlich. Der progressive spanische Opernregisseur Calixto Bieito konzipiert seinen »Parsifal« als düstere Endzeitvision, die Figur des Parsifal mehr animalisch als naiv. Der eher traditionsbewusste musikalische Leiter Manfred Honeck behält hingegen die Aussage der Musik im Blick. Die Sänger und Darsteller sind vor die Aufgabe gestellt, beide Seiten zufriedenzustellen, z.B. gleichzeitig brutal zu wirken und gefühlvoll zu singen.
Die Kostümbildnerin hat das Problem zu lösen, dass sie aus Kostengründen vorwiegend aus dem Fundus schöpfen muss. Einige Darsteller im Chor protestieren dagegen, sich nackt in Plastikfolie gewickelt auf der Bühne zu präsentieren. Dazwischen wird der ungeheure Materialaufwand sichtbar, die Produktion eines toten Waldes, die Herstellung unzähliger Puppenköpfe, die Detailarbeit an einer Perücke, die tricktechnischen Umsetzung eines Blutbads. Ebenso detailreich wie an der Ausstattung wird auch an der Inszenierung und am musikalischen Ausdruck gefeilt: der amerikanische Bassbariton Gregg Baker z.B. erhält deutsches Sprachtrainig, um das Wort »unenthüllt« korrekt zu intonieren.
Der Film endet mit den letzten Vorbereitungen für die Premiere, zeigt die Putzfrau in den Rängen ebenso wie die Künstler in der Garderobe und die Techniker hinter der Bühne. Die Inszenierung selbst wurde nur eingangs mit wenigen Szenen charakterisiert. Am Ende erscheint es als selbstverständlich, dass aus dem scheinbaren Chaos eine gelungene Aufführung entsteht. Schließlich sind ja alle Profis …
Die singende Stadt
Buch: Thiemo Hehl, Vadim Jendreyko, Thomas Tielsch
Kamera: Lothar Heinrich, Vadim Jendreyko
Ton: Torsten Lenk, Steffen Müller / Sound Design: Daniel Almada
Regie: Vadim Jendreyko
Format: PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
Region: 2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Spieldauer: 92 Minuten (+ 45 min. Bonusmaterial)
FSK: 12 Jahre
Studio: Indigo (Real Fiction/GoodMovies)
musikschulwelt meint: Nicht nur für Opernliebhaber spannend und lehrreich! Eine tolle Möglichkeit, hochkarätigen Künstlern bei der Arbeit zuzusehen und einen monatelangen, arbeitsteiligen Prozess bequem innerhalb von 90 Minuten auf dem Sofa nachzuvollziehen. Wie in einem der Wimmel-Bilderbücher gibt es für Zuschauer sicher auch bei wiederholtem Zusehen noch neue Detailinformationen zu entdecken. Allerdings ist der Film erst ab 12 Jahren freigegeben, wohl bedingt durch Freizügigkeiten der Inszenierung. Jüngere wären aber auch durch die Komplexität der Informationen und das Fehlen von Erläuterungen überfordert.















