Als Pop noch der Jugend gehörte…

Neuerscheinung: Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts

Nachdem er in seinem Buch „Von Edison bis Elvis“ den Wurzeln der modernen Popmusik nachgespürt hat, widmet der Musikjournalist Ernst-Hofacker nun einen ganzen Band nur der Popmusik der 70er Jahre. In dieses Jahrzehnt fallen wichtige Innovationen in der Aufnahmetechnik und in der elektronischen Musikerzeugung. Eine Vielzahl von Künstlern kreierten neue Stilrichtungen und Szenen: Prog, Heavy Metal, Glam-Rock, Reggae, Punk, Disco…  Innerhalb dieses einen Jahrzehnts entwickelte sich aus der ursprünglichen „Spielwiese“, auf der sich Freaks und Sonderlinge tummelten, ein durchprofessionalisiertes und weltweit erfolgreiches Business.

Der Autor geht exemplarisch vor und widmet jedem Jahr der 70er ein Kapitel, in dem er eine neue musikalische Strömung herausstellt und dies an einem konkreten Datum und Ereignis festmacht.  Einleitend werden im „Intro“ die Rahmenbedingungen skizziert, welche die 70er Jahre zu einer gesellschaftlich und kulturell überaus dynamischen Dekade werden ließen. Durch verschiedene Protestbewegungen wie Feminismus, Black-Power-Movement, Friedensbewegung,  aber auch im Hinblick auf Drogen, Kunst, Mode und Design wurden viele traditionelle gesellschaftliche Regeln infrage gestellt. Hofacker betont, dass Popmusik zum Anfang der 70er (noch) „Exklusiveigentum der Generation U30“ (S.11) war –  im Gegensatz zu heute also ein Gegenentwurf zur Kultur der Elterngeneration.

Die 70er Jahre begannen noch im Zeichen der Hippie- und Studentenbewegung. 1970 haben Crosby, Stills, Nash & Young auf eine gewaltsam beendete Studentendemonstration unmittelbar mit ihrem Song „Ohio“ reagiert und standen damit noch für Protest und politisches Engagement der Singer-Songwriter. Ganz im Gegensatz dazu gab es aber zur selben Zeit auch eine reine L‘art pour L’art-Bewergung im Rock. Im darauffolgenden Jahr hört man auf dem „Who’s Next“-Album erste synthetisch erzeugte Klänge und auch Pink Floyd veröffentlichen als Pioniere der elektronischen Musik „Echoes“. Neben die bisher marktbeherrschenden Singles trat die „Album-Musik“, bei der nicht mehr die Tanzbarkeit, sondern konzentriertes Zuhören angestrebt wurde. Völlig anders beim brititschen Glam-Rock der frühen 70er, der wieder komplett hitparadenorientiert war und mit glitzernden Kostümen und Bühnenshows Androgynität und Hedonismus verkörperte.

Das Buch macht deutlich, wie stark und international beherrschend der Austausch der amerikanischen und brititschen Musikszenen war, widmet aber auch deutschen Entwicklungen Aufmerksamkeit wie dem Krautrock und dem Elektropop. Kraftwerk konnte mit „Autobahn“ 1974 einen internationalen Hit landen, während die deutsche Rockmusik – mit Ausnahme von Udo Lindenberg – durch eine „auffällige Abwesenheit von prägnantem Gesang und profilstarken Frontleuten“ (S.128) geprägt gewesen sei.

Ein besonderes Zwischenkapitel ist drei Superstar-Bands gewidmet, die ohne spektakuläre eigene Ideen dem Pop ein Massenpublikum eröffneten: Queen stand für „Große Oper“, Bruce Springsteen für Storytelling und eine besondere Symbiose mit dem Publikum. Die Bee Gees erfanden sich neu und „surften“ auf der Disco-Welle zu neuem Ruhm.

Die Bedeutung der schwarzen Musik und des schwarzen Publikum für die weitere Entwicklung des Pop wird anhand der TV-Musiksendung „Soul Train“ veranschaulicht. Dort gab damals Elton John 1975 ein Gastspiel und erwies der schwarzen Musik seine Referenz. Eine Reihe von weißen Musikern nahmen Impulse von Soul und Jazz auf, gleichzeitig sollte auch das schwarze Publikum für die Konsumindustrie erschlossen werden. Dezidiert unangepaßt, provokant und nichtprofessionell hingegen gab sich der Punk, der in den USA eher ein Phänomen der Bohème war, in Großbrittannien hingegen der Ausdruck von Frust und Zynismus des gesellschaftlich abgehängten Arbeitermilieus. 1977 schlug dann die Stunde der Disco-Kultur: Im neu eröffneten „Studio 54“ in New York feierte der Jet-Set wilde Parties; der Film und das Album „Saturday Night Fever“ kamen heraus und wurden ein Welterfolg.

Jenseits des internationalen musikalischen Kommerzes entwickelte sich Ende der 70er Jahre zunächst in der Bronx eine neue „urbane Subkultur“. Junge schwarze DJs spielen Kombinationen aus verschiedenen Rhythmus-Breaks und machen Live-Performances mit Rap-Elementen. Hinzu kamen noch Breakdance, Graffiti, Mode, die alle zusammen die bis heute lebendige Kultur des Hip-Hop ausmachen.

Das Platten- und Konzertbusiness hatte sich während der 70er Jahre durchprofessionalisiert. Nach Hofacker wurde Pop Teil der „Medienfolklore“ und Rock ein „soziales Aufstiegsmodell“ (S.303 f). Das Format des „Adult Oriented Rock“ (Bands wie Boston, Foreigner, Toto) wandte sich nun gezielt an ein erwachsenes Publikum. Die amerikanische Sendung „Popclips“ bereitete das MTV-Zeitalter vor und der Sony-Walkman machte das Musikhören mobil. „Rock war erwachsen und Pop ein Millionengeschäft geworden“ (S.324).

Das Buch ist überaus detailreich, aber aufgrund seiner exemplarischen Vorgehensweise auch gut in Etappen zu lesen. Geschildert werden nicht nur wesentliche Entwicklungsstränge, sondern auch viele Hintergrundgeschichten. Neben den Stars geht es immer auch um Wegbereiter, Studios und Produzenten und nicht zuletzt auch um wegweisende Albums und Songs.

Ernst Hofacker: Der Sound eines Jahrzehnts. Ditzingen, Philipp Reclam jun. Verlag 2020

Geb. mit Fadenheftung. Format 16 x 24 cm
350 S. 63 Farbabb., 28 Euro
ISBN: 978-3-15-011244-1

 

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