Hochromantische Märchenstunde

Humperdincks »Dornröschen« zu neuem Leben erweckt

Für Engelbert Humperdinck war seine 1893 uraufgeführte Erfolgsoper »Hänsel und Gretel« Segen und Fluch zugleich:  Denn weder davor noch danach stieß eine seiner zahlreichen weiteren Kompositionen, ob für den Konzertsaal oder die Opernbühne, auch nur annähernd auf vergleichbare Begeisterung bei Publikum und Musikkritik. Ob dies – mit gebührender zeitlicher Distanz – wirklich gerechtfertigt war, kann nun anhand einer Ersteinpielung von Humperdincks neun Jahre später entstandener Märchenoper »Dornröschen« neu verhandelt werden.

Der König des Rosenlandes und seine Gemahlin sind überglücklich, dass sich endlich Nachwuchs eingestellt hat. Als Taufpatinnen wählen sie zwei gute Feen: Morphina, die Fee des Schlafes, sowie Rosa, die spätere Namensgeberin des kleinen Röschens. Nur Dämonia, die dritte Fee im Bunde, erhält keine Einladung: Deshalb platzt sie voller Zorn in die Feierlichkeiten herein und übergibt der kleinen Prinzessin ihr Patengeschenk: »Eh fünfzehn Sommer dir entschwunden, wird eine Spindel Dich verwunden. Ihr scharfer Stachel soll dich stechen und Tod dein junges Leben brechen …«

Humperdincks Musik erschafft auch hier eine einzigartige Atmosphäre, die sich vor allem in den Instrumentalteilen, den Vor- und Zwischenspielen dank einer äußerst feinen Melodik mit charakteristischer Instrumentation und komplexer motivischer Arbeit märchenhaft-dramatisch verdichtet. Als Erzählerin konnte zudem mit Brigitte Fassbaender eine der bedeutendsten deutschen Sängerinnen des 20. Jahrhunderts gewonnen werden.

Engelbert Humperdinck: Dornröschen
Mit Brigitte Fassbaender, Christina Landshamer,
Kristiane Kaiser, Tobias Haaks,
Chor des Bayerischen Rundfunks, Münchner Rundfunkorchester
Ltg.: Ulf Schirmer
cpo 777 10-2 (2 CDs)

musikschulwelt meint: Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, Humperdinck sei seinerzeit höchstpersönlich aus dem Zauber- und Feenreich entsandt worden, um dem Publikum diese Märchenwelt näherzubringen. Seine »Dornröschen«-Musik berührt unmittelbar und lädt gerne auch einmal zum Schwelgen ein … was die Musikkritiker von damals (und heute) die Nase rümpfen ließ, dem Hörer deshalb aber umso mehr gefallen dürfte.