
Gemälde von Charles-Auguste Corbineau
Die französische Komponistin Mel Bonis wurde 1858 in eine katholische Handwerkerfamilie hineingeboren und war zunächst musikalische Autodidaktin, brachte sich also das Klavierspiel selber bei; erst ab 1870 erhielt sie dann Unterricht. Gefördert durch César Franck wurde sie 1877 am Pariser Conservatoire Supérieur aufgenommen und studierte dort bis 1881 bei Ernest Guiraud erfolgreich, wie mehrere Preisauszeichnungen belegen. 1883 heiratete sie den 22 Jahre älteren Industriellen Albert Domange. Er brachte fünf Söhne mit in die Ehe, sie selbst bekam bis 1899 vier Kinder. Ihre neue Rolle als Ehefrau und Mutter bedeutete das Ende ihrer professionellen Karriere als Komponistin …
Neunfache Mutter
Um Konflikte zu vermeiden und doch noch ihre schöpferischen Ziele zu verwirklichen, setzte sie ihre Prioritäten daher phasenweise unterschiedlich. Bis ca. 1890 beschränkte sich ihre kompositorische Tätigkeit auf Lieder und Klavierstücke. Bei diesen kleinen Formen und Gattungen hatte sie die Möglichkeit, die Stücke in den großbürgerlichen Salons des Fin de Siècle zu präsentieren. Erst als die Kinder herangewachsen waren, erhielt die Musik erneut Vorrang in ihrem Leben.
Folgenreicher Seitensprung
Die Zusammenarbeit mit dem Musikkritiker und Gesangslehrer Amédée Hettich, der Bonis während der gemeinsamen Studienzeit einen Heiratsantrag gemacht hatte, führte zu einer Liebesaffäre. Diese gipfelte 1899 in der Geburt der gemeinsamen Tochter Madeleine, die Bonis aufgrund der damaligen bürgerlichen Moral- und Sittenvorstellungen heimlich in der Schweiz zur Welt bringen musste. Dort wuchs das Kind bei einer Pflegefamilie auf. Musikalisch zeigte sich diese Zeit extremer persönlicher Anspannung in einer verstärkten Kompositionstätigkeit.
Meisterin der Postromantik
Ihre bedeutendsten Werke entstanden zwischen 1900 und 1914. Sie gehören zu den wichtigsten Kammermusikkompositionen der französischen Postromantik und können heute eine große Bereicherung der Musikprogramme sein. »Ich hätte nie geglaubt, dass eine Frau so etwas schreiben kann. Sie kennt alle geschickten Tricks des Komponistenhandwerks«, musste sogar der berühmte Camille Saint-Saëns nach Begutachtung ihres ersten Klavierquartetts op. 69 zugeben.
Für Mel Bonis war das Klavier bevorzugtes Mittel schöpferischer Verwirklichung und harmonischer Experimentierfreude. Sie schrieb viele pädagogische Stücke für Kinder, die im Musikunterricht gut einsetzbar sind. Auch ihre vierhändigen Werke stellen meist keine hohen technischen Anforderungen, wie bspw. die »Six Valses-Caprice« op. 87, eine Sammlung von sechs Walzern. Sie sind schnell zugänglich und einfach in der Ausführung, so dass sie für Schüler rasch zu »Erfolgsstücken« werden, deren Melodien sich leicht einprägen.
Der Beginn des 1. Weltkrieges setzte Bonis’ kompositorischer Entwicklung ein Ende. Die Kriegsteilnahme ihrer Söhne, ihr Engagement für Waisenkinder und Kriegsgefangene, der Tod ihres Mannes 1918 und ihres jüngsten Sohnes 1932 überforderten sie körperlich und seelisch. Bis zu ihrem Tod 1937 litt sie unter einer lang andauernden Depression. Stephanie Höhle
Notenfutter für neugierige junge Pianisten
- Oeuvres pour piano (Klaviermusik, Vol. 1): Femmes de Légende – Der Band enthält eine Reihe von musikalischen Porträts, die legendären Frauen gewidmet sind. Bonis erkundet in ihnen die schillernde Welt dieser Frauen. (Furore-Verlag fue 4180, ISMN 979-0-50012-918-9, EUR 19,00)
- Oeuvres pour piano (Klaviermusik, Vol. 6): Pièces à quatre mains – Der erste Band der vierhändigen Werke von Bonis umfasst drei Werke: die »Pavane«, die »Six Valses-Caprice« und »Le Songe de Cléopâtre«. (Furore-Verlag fue 4230, ISMN 979-0-50012-923-3, EUR 25,00)
- Oeuvres pour piano (Klaviermusik, Vol. 7): Pièces pittoresques et poétiques – Der Band enthält acht Einzelstücke, die nach 1910 entstanden sind, und fünf Stücke einer Sammlung, die 1929 bei Maurice Sénart in Paris unter dem Titel „Cinq pièces pour piano“ erschienen. (Furore-Verlag fue 10004, ISMN 979-0-50012-347-7, EUR 23,00)
