Greifen, wo das Griffbrett aufhört

Foto: Sim Canetty

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Der Cellist Alban Gerhardt verrät bei musikschulwelt, wie man eine Komponistin zu einem neuen Werk »überredet«, spricht über die besonderen Herausforderungen des Cellokonzerts von Unsuk Chin und schwärmt davon, was ihn an dieser Musik so fasziniert und fesselt. Soeben ist seine Weltersteinspielung des ihm gewidmeten Werks bei der Deutschen Grammophon auf CD erschienen.

Es ist eine ganz eigene Art von Faszination, die zeitgenössische Musik mit sich bringt. Fast immer sind überraschende, zuweilen sogar beglückende Erlebnisse damit verbunden, bei denen sich Zuhörer wie Interpret dann in ganz neuen Klangwelten wiederfinden. So erging es auch dem weltbekannten Virtuosen Alban Gerhardt, als er im Publikum erstmals das Violinkonzert der heute in Berlin lebenden gebürtigen Südkoreanerin Unsuk Chin hörte …

Ich spürte, dass sie wie alle großen Komponisten ihre eigene Tonsprache gefunden hatte, dass ihre Musik nicht austauschbar ist, sondern alles seinen Grund und seine Bedeutung hat, was sie schreibt. Außerdem war ich auf emotionaler Ebene tief berührt, als ich ihr Violinkonzert gehört hatte.

musikschulwelt: Und natürlich erwachte bei Ihnen sofort der Wunsch nach einem Konzert für Violoncello …

Als ich mir in den Kopf gesetzt hatte, Unsuk Chin von der Notwendigkeit zu überzeugen, ein richtig gutes Cellokonzert zu schreiben, wusste ich weder, dass ich eines Tages der Widmungsträger eines solchen werden würde, noch dass sie bis dahin noch nie für eine bestimmte Person ein Konzert geschrieben hatte (weder das Violin- noch das Klavierkonzert haben einen Widmungsträger).

Subtile Überzeugungsarbeit für ein neues Cellokonzert

musikschulwelt: Verraten Sie uns, wie Sie dabei »taktisch« vorgegangen sind?

Nun ja, ich bin von Natur aus ziemlich stur, weshalb ich die arme Unsuk auf subtile Art einfach immer wieder mit der Bitte genervt habe. Wann immer sie mich zu einer ihrer wundervollen Partys (sie kocht sehr gut!) eingeladen hatte, brachte ich das Cello mit und bot ihr an, für sie und ihre Gäste zu spielen. Und entweder hat es ihr dann irgendwann so gut gefallen, dass sie überzeugt war, etwas für mich zu schreiben, oder sie fand es so scheußlich, dass sie, um endlich ihre Ruhe zu haben, meinen dringlichen Wunsch eines Konzertes erfüllte.
Nein, im Ernst, nachdem sie mich auf diese Weise als Musiker und Mensch kennengelernt hatte, nahm sie es auf sich, ein Cellokonzert zu schreiben, obwohl sie größten Respekt vor diesem Genre hatte, da sie sich allzu bewusst war, dass das Cello von einem zu großen Orchester leicht zugedeckt werden kann. Da sie aber (wie viele zeitgenössische Komponisten) gerne für großes Orchester schreibt, stellte dies eine große Herausforderung dar.

Foto: Sim Canetty

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musikschulwelt: Jedes Instrument hat ja seine speziellen kompositorischen Anforderungen, so auch das Violoncello …

Unsuk ist keine Cellistin und hat deshalb auch nicht daran gedacht, es »passend« für Cello zu machen oder es mir »in die Hand« zu schreiben … was ich auch nicht wollte. Ich wollte, dass diese großartige Komponistin ohne Rücksicht aufs Instrument große Musik schreibt, die Spielbarkeit sollte sie mir überlassen – und das hat sie auch getan.

Mit Abstand das schwerste Werk, das ich bisher gespielt habe …

musikschulwelt: Welche spieltechnischen Klippen sind nun darin für Sie zu überwinden?

Unsuk Chins Cellokonzert erfordert keine ungewöhnlichen Spieltechniken. Man benötigt als Spieler keine Legende, die einem irgendwelche Zeichen erklärt, aber nichtsdestotrotz (oder vielleicht sogar deshalb) ist es mit Abstand das schwerste Stück, das ich bisher gespielt habe. Nicht, dass eine Höchstschwierigkeit der nächsten folgen würde, aber schon allein die Tatsache, dass das Cello fast nonstop spielt, macht dieses Werk einzigartig schwer – es gibt einfach keine Verschnaufpausen, zumal nach dem wahnsinnig schnellen und anstrengenden zweiten Satz der dritte »attacca« folgt, das heißt, er schließt direkt an.

musikschulwelt: Lässt sich da der Notentext überhaupt noch optisch verfolgen, während man spielt?

Bereits bei der Uraufführung habe ich das Werk auswendig aufgeführt, was in Anbetracht der vielen Töne und teilweise unfassbar schneller Passagen auch nicht leicht ist. Doch muss ich gestehen, das eine Mal, als ich es von Noten geprobt habe, bin ich ständig rausgeflogen, da ich nicht die Konzentration mitbrachte, die ich für die Bewältigung der »Todespassagen« brauche. Zwei weitere Schwierigkeiten anderer Art gibt es einmal im ersten Satz, wo ich auf der A-Saite ein ewig langes gis halten muss, während auf der D-Saite verschiedene andere Töne »hineingetupft« werden – schwer in puncto Intonation und auch Bogenkontrolle. Und im dritten, dem wunderschönen langsamen Satz, in dem es tatsächlich eine Melodie gibt, die man vielleicht nicht so leicht nachsingen kann, die aber im Laufe des Satzes in verschiedenen Formen immer wiedererkennbar vorkommt, erscheint eben diese Melodie als Flageolett-Linie, und zwar dort gegriffen, wo das Griffbrett bereits aufhört. Es klingt göttlich schön, wenn diese Obertöne ansprechen, aber bis ich es geschafft habe, dass sie immer ansprechen, sind wirklich einige Monate vergangen. Und im letzten Satz gibt es neben wundervoll verhuschten Passagen, die allerdings alle ausgeschrieben sind, eine rhythmisch sehr vertrackte Stelle, wo sich Cello und Orchester auf engstem Raum mit schnellen Noten und Klangschlägen abwechseln. Ein toller Effekt, wenn es funktioniert, Chaos, wenn nicht.

CD-Cover_Unsuk Chin

Die Einspielung des Cellokonzerts (zusammen mit dem Klavierkonzert und »Šu« für Sheng und Orchester) von Unsuk Chin ist soeben beim Label Deutsche Grammophon (0289 481 0971 5 CD) erschienen. Am Pult des Seoul Philharmonic Orchestra stand für die Aufnahmen der südkoreanische Dirigent Myung-Whun Chung.

musikschulwelt: Es ist also auch selbst für Sie jedes Mal erneut Risiko und Wagnis, dieses Werk aufzuführen?

Die größte Schwierigkeit und Schönheit des Werkes ist seine Durchhörbarkeit – das Cello ist fast ständig zu hören, d.h., man kann sich als Solist nicht mal verstecken, jeder Ton zählt. Aber dies ist auch der Grund, weshalb ich glaube, dass dies nach dem Henri-Dutilleux-Konzert (»Tout un monde lointain« von 1970) das nächste Cellokonzert sein wird, das sich als Standardrepertoire festsetzen wird.

So etwas habe ich vorher noch nie gehört …

musikschulwelt: Erzählt uns Unsuk Chin in ihrem/Ihrem Cellokonzert so etwas wie eine Geschichte?

Jede gute Musik erzählt irgendwie eine Geschichte, aber da Musik ja dort anfängt, wo Sprache aufhört, könnte ich die Geschichte nicht erzählen, nur spielen. Es ist ein äußerst tiefgründiges und farbenreiches Werk, und sein Höhepunkt liegt für mich auf alle Fälle im dritten Satz, der nicht zuletzt wegen seiner gespenstischen Begleitung (Cello- und Bassgruppe spielen Flageolett-Akkorde, über die ich meine frei klingende, aber bis ins letzte Detail auskomponierte Melodie spielen darf – so etwas habe ich vorher noch nie gehört!) der Höhepunkt dieses an Höhepunkten reichen Konzerts ist.

musikschulwelt: Haben Sie auch weiterhin Kontakt zur Komponistin?

Sie ist eine faszinierende Person und ich schätze mich glücklich, mit ihr befreundet zu sein. Sie ist eine der wenigen »Künstler«, die wirklich Künstler sind und sich nicht selbst inszenieren müssen – sie ist eher scheu und mag nicht viel über sich reden, ist aber als Gesprächspartner hochinteressant. Wir sehen uns nicht oft, aber die zwei, drei Male im Jahr sind immer von großer Bedeutung für mich.

musikschulwelt bedankt sich herzlich bei Alban Gerhardt für das Interview. Die Fragen stellte Alexander Reischert.

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