Musicalabend ohne jede Belanglosigkeit

© Theater Dortmund

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Großartige Inszenierung von »Next to Normal« in Dortmund – ein Aufführungsbericht von musikschulwelt

Nicht enden wollende Standing Ovations am Ende eines zweieinhalbstündigen Musicalabends in der Oper Dortmund. Das ist durchaus verblüffend für einen Plot, der die psychische Erkrankung einer Frau mittleren Alters und deren zerstörerische Auswirkungen auf das Ehe- bzw. Familienleben in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Wer üblichen Musical-Plüsch mit wahlweise Märchen-, Fantasy- oder pseudohistorischem Ambiente gewohnt ist, wird hier also mit einer Alternative überrascht, die inhaltlich, dramaturgisch wie auch musikalisch auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Und warum eigentlich nicht eine Bühnengeschichte aus dem »wahren Leben«, aus dem jedermann vertrauten sozialen Umfeld der Familie, den Alltagsproblematiken vom Umgang mit Kranken oder auch medizinischer Diagnostik bzw. Behandlung? »Next to Normal« liefert den Beweis, dass dies nicht nur funktionieren kann, sondern sogar fesselt, berührt, zum Nachdenken anregt … und dabei auch noch bestens unterhält.

Ein nicht normaler Repertoire-Glücksfall

Dazu müssen natürlich einige Glücksfälle zusammenkommen – etwa so wie zuletzt im Kino, als das tragische körperliche Handicap eines Querschnittsgelähmten in »Ziemlich beste Freunde« den zentralen Plot für einen europäischen Kassenschlager lieferte. In »Next to Normal« ist es nun ein psychisches Handicap, genauer eine so genannte bipolare Störung, die bei der Mutter durch den (zum Zeitpunkt der Bühnenhandlung bereits weit zurückliegenden) Tod ihres erstgeborenen Säuglings ausgelöst wurde. Hier nun die Balance zu halten zwischen Tragik und Humor, Ernsthaftigkeit und Situationskomik, ist den beiden amerikanischen Musical-Vätern Brian Yorkey (Libretto) und Tom Kitt (Musik) in einzigartiger Weise gelungen. Nicht umsonst wurden sie dafür 2010 mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

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Und die Umsetzung in Dortmund – mit einer intelligenten und von Wortwitz durchsetzten deutschen(!) Textversion aus der Feder Titus Hoffmanns – erweist sich in jeder Hinsicht als adäquat: mit einem reduzierten und doch völlig hinreichenden Bühnenbild (Stefan Huber), einer ausgezeichneten Live-Band unter der Leitung von Kai Tiedje sowie herausragenden Darstellern, die sämtlich in ihren durchaus komplexen Rollen aufgehen: Maya Hakvoort (Diana Goodman), Rob Fowler (Dan Goodman), Johannes Huth (Gabe), Eve Rades (Natalie) sowie Dustin Smailes (Henry) und Jörg Neubauer (Dr. Fine/Dr. Madden).

Die Zielgruppenfrage

Manch einer wird sich fragen, ob dieses Musical überhaupt für Jugendliche geeignet sei. Fragen wir die Zielgruppe doch einfach selbst:

Bei diesem lustig-unterhaltsamen Musical konnte man mal wieder sehen, wie schräg und krank die Welt sein kann. Besonders toll fand ich, wie der Arzt zwei Seiten zeigt: nämlich die eines normalen Mediziners, der plötzlich zu einem Rockstar wird (folgendes Foto). Außerdem hat sich »Next to Normal« nicht nur fantastisch auf der unterhaltsamen Seite gezeigt, sondern vor allen Dingen auch auf der musikalischen. (Konstantin, 13 Jahre)

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In der Tat ist es ein moderner, durchaus rockiger Sound, der einmal fragil, das andere Mal dann regelrecht fett daherkommt. Sechs Musiker erwecken dabei auf Klavier/Keyboard, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Violine und Violoncello die raffinierte Partitur von Tom Kitt zum Leben:

Die Musik bestach nicht nur durch herausragende Arrangements, sondern auch durch Abwechslung und Stilmix. Für den Zuhörer war es außerdem schön, dass es kaum eine Szene oder einen Dialog ohne Musikuntermalung gab, was das Musical auf eine gewisse Art noch lebendiger machte. Die Schauspieler überzeugten nicht nur durch ihre unglaubliche Kondition, sondern auch dadurch, sich in die nicht ganz einfachen Persönlichkeiten des Stückes hineinzuversetzen. Besonders hervorheben möchte ich noch die szenische Umsetzung, die mit einem relativ einfachen Bühnenbild gerade auch die teilweise parallel laufenden Handlungen von Tochter/Freund sowie Mutter/Vater unterstützte. (Valentin, 16 Jahre)

Eine Musiktheater-Sternstunde

Ein Musicalabend also, der lange nachwirkt. Der Appetit auf mehr macht. Und der das Bewusstsein dafür schärft, dass dieses bei so manchem in Verruf geratene Genre weit mehr zu bieten hat, als uns die nimmermüden PR-Maschinen der dauerbespielten reinen Musical-Häuser hierzulande vermitteln wollen. Die Oper Dortmund ist mit »Next to Normal« der beste Beweis dafür, dass kommunale Kulturangebote auch in Sachen Musical konkurrenzfähig sind – ja eigentlich sogar mehr als das! Denn hier traut man sich, auch jenseits des Mainstreams Angebote zu machen und so immer wieder Überraschendes zu Tage zu fördern. Daraus können dann sogar Musiktheater-Sternstunden werden – wie nun mitten im Ruhrgebiet mit »Next to Normal«.

Alexander Reischert


Ausführliche Hintergründe zum Musical, etwa auch zum Krankheitsbild aus medizinischer Sicht, liefert die Website des Theaters www.theaterdo.de. Weitere Aufführungen des Musicals in der laufenden Spielzeit sind für die folgenden Termine angekündigt:

Do, 21. April | Fr, 29. April | So, 08. Mai | Fr, 13. Mai | Sa, 28. Mai | Fr, 03. Juni | Sa, 11. Juni

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