Schuberts »Winterreise« in zwei Neueinspielungen
Der zweifellos berühmteste Liederzyklus der Musikgeschichte, die 24 Lieder umfassende »Winterreise« auf Texte des wenig bekannten Dichters Wilhelm Müller, vollendete Franz Schubert im Herbst 1827, gut ein Jahr vor seinem (verfrühten) Tod. Dass sich der Komponist da bereits in einer gewissen Endzeitstimmung befand, berichtete sein enger Freund Joseph von Spaun: »Schubert wurde durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, sagte er nur: „Nun, ihr werdet es bald hören und begreifen.“ Eines Tages sagte er zu mir: „Komme heute zu Schober, ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu sehen, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses bei anderen Liedern der Fall war.“«
Im Laufe der vergangenen Jahre ist diese Liederfolge für Gesang und Klavier zunehmend zu einem wahrhaften Experimentierfeld der Musikszene geworden: Versionen für Gitarre, Sprechstimme und Gesang (von Rainer Rohloff), lediglich Viola und Klavier (von Tabea Zimmermann) oder aber Bariton, Viola, Violoncello und Kontrabass (von Periklis Liakakis) sind nur Beispiele für das ungebrochene Interesse und Potenzial dieses Meisterwerks.
Nun ist beim Label Zig-Zag Territoires eine Einspielung erschienen, die bewusst dem Originalklang zur Entstehungszeit nachspüren möchte. Dafür begleitet Jos van Immerseel den Bariton Thomas Bauer auf dem Nachbau eines historischen Cembalos, dessen Vorbild im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu besichtigen ist: Dessen Schöpfer Anton Walter (1756-1826) war der wohl berühmteste und beste Klavierbauer Wiens im 18. Jahrhundert. Mit dem vollen kräftigen Klang, der bereits den Komponisten gegen Ende der 1780er-Jahre völlig neue Möglichkeiten eröffnete, vermittelt der Nachbau eine Idee vom Klang der »Winterreise« zur Zeit ihrer Entstehung. Pianist und Sänger begeben sich zudem auf die Suche nach den Spuren des Dichters, jenem Wilhelm Müller (1794-1827), der als großer Unbekannter der deutschen Literaturgeschichte gilt … und der sich nach einer gescheiterten Liebesbeziehung übrigens im November 1814 auf der »wirklichen« Winterreise befand – seiner Rückkehr nach Dessau.
Eine gänzlich andere Herangehensweise wählten Matthias Loibner und Nataša Mircovic für ihre beim Label Raumklang eingespielte Interpretation des Zyklus: Durch das Schlusslied »Der Leiermann« inspiriert, musiziert die Sopranistin sämtliche zwei Dutzend Lieder mit Begleitung der Drehleier. Tatsächlich war dieses Instrument zur Schubert-Zeit noch recht verbreitet im Einsatz: für Tanzmusik, zur Liedbegleitung (!) und zum Betteln. Die historische Rechtfertigung für dessen Verwendung steht hier allerdings sicher weniger im Vordergrund als jene spezifische Grundstimmung, die dem Drehleier-Klang eigen ist: Ausweglosigkeit, Leere, Zerrissenheit und Reduziertheit, also Zustände, die den gesamten Zyklus atmosphärisch durchziehen.
Franz Schubert: Winterreise
Thomas Bauer (Bariton), Jos van Immerseel (Pianoforte)
Zig-Zag Territoires ZZT101102
Franz Schubert: Winterreise
Nataša Mircovic (Sopran), Matthias Loibner (Drehleier)
Raumklang RK 3003
musikschulwelt meint: Es gibt nicht viele Werke der klassischen Musikliteratur, die wie Schuberts »Winterreise« einen derart freizügigen Umgang erlauben und auch noch belohnen. Das Duo Bauer/Immerseel lädt ein zur Zeitreise ins 19. Jahrhundert und erscheint dabei so authentisch, dass man nach einigem Einhören manche der gängigen Einspielungen mit modernem Klavier plötzlich als übersentimentalisiert empfindet, ganz nach dem Motto: Weniger ist doch mehr. Konsequent experimentell dagegen zeigt sich das Duo Mirkovic/Loibner mit der Wahl des exotischen Begleitinstruments und Frauenstimme. Aber auch hier wird der Zuhörer gern zum Mitreisenden: magisch angezogen von dem verstörenden, knarzig-wehmütigen Klang sowie einer Vokalinterpretation, die einmal den weiblichen Gefühlskosmos einfließen lässt. Schubert sei Dank für diese Hinterlassenschaft – und den genannten Interpreten für ihre mutige und innovative Herangehensweise, die auch 2011 erneut »Winterreisen«-Appetit macht!
