Klassik ist kein Privileg für Anzugträger

Foto: Herby Sachs (ARD WDR)

Ranga Yogeshwar, der populäre Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator,  spricht mit musikschulwelt über seine persönlichen Musikvorlieben, sein neuestes (Konzert-)Projekt und die Suche nach dem Wesen der Musik.

Er hat die Naturwissenschaft zu uns ins Wohnzimmer gebracht und weiß die komplexesten Zusammenhänge allgemein verständlich und nachvollziehbar zu vermitteln. Nun macht sich der luxemburgische Physiker daran, auch die klassische Musik dem elitären Elfenbeinturm zu entreißen. Dass ihm die Musik wie auch dessen musikalischer Nachwuchs ein persönliches Anliegen sind, zeigte der Freizeitpianist Yogeshwar u.a. beim letztjährigen Klavierfestival Ruhr, als er das Preisträgerkonzert »Ausgezeichnete Kinder« mit den Siegern des Landeswettbewerbs »Jugend musiziert« sowie des »Rotary Klavier Wettbewerbs Jugend« moderierte.

musikschulwelt:  Sie starten gemeinsam mit dem Kölner GMD Markus Stenz eine neue Konzertreihe mit dem Titel »Experiment Klassik«. Wir darf man sich den Versuchsaufbau vorstellen?

Was dahintersteht, ist die Grundannahme, es gebe in der Musik so etwas wie zeitlose Stücke, gleichsam Fixsterne in diesem Universum der Musik. Und ein solches ist »Le sacre du printemps« – das können wir beide aus Überzeugung sagen. »Experiment« bezieht sich aber auch darauf, dass wir bei dem Stück durchaus mit dem Publikum zusammen experimentieren, etwa mit Polyrhythmik. Was spürt man da, was ist die Magie? Was sind vielleicht die sehr fundamentalen Dinge, die da so berühren, und nicht nur uns, sondern garantiert auch noch Generationen später?

Der spezielle Blick des Naturwissenschaftlers

musikschulwelt: Hört und liest denn ein eingefleischter Naturwissenschaftler Musik möglicherweise anders?

Nein, das will ich so nicht sagen. Außerdem habe ich mich bereits sehr früh und intensiv auch mit zeitgenössischer Musik auseinandergesetzt, gehöre etwa zu den Gründungsmitgliedern von »Musica Nova« in Luxemburg und habe das Klavierspielen am Konservatorium in Luxemburg erlernt. Aber vielleicht schaue ich sehr bewusst doch noch einmal anders darauf. Ein Beispiel: Es heißt ja immer so schön, dass es bei der Uraufführung am 29. Mai 1913 in Paris zu einem Riesenskandal kam. Ich persönlich habe mir die Frage gestellt: Ist dem wirklich so? Ich habe dann in Paris in den Polizeiarchiven und alten Zeitungen recherchiert, um festzustellen, dass dieser Skandal vermutlich bei Weitem nicht so groß war, wie oft kolportiert wird. Denn in den Tagen danach wurde das Werk weiter aufgeführt – und das passt nicht unbedingt zu dem, was man uns vermittelt hat.

Gemeinsam mit dem Kölner GMD Markus Stenz und dem Gürzenich-Orchester geht Ranga Yogeshwar das »Experiment Klassik« an. Im Februar 2012 startet in der Kölner Philharmonie die neue Konzertreihe mit Igor Strawinskys »Le sacre du printemps«. (Foto: Matthias Baus)

Für mich ist es sehr spannend, dann zu überlegen: Warum ist dem so? Da bin ich wahrscheinlich der Naturwissenschaftler, der wirklich nachhakt, der dann auch Kontakt mit einem Fachmann vom Max-Planck-Institut aufnimmt, welcher über Premieren eine interessante Arbeit geschrieben hat … da zeige ich dann eine gewisse Detailbesessenheit.

musikschulwelt:  Zeigt sich diese Detailbesessenheit auch zuhause bei Ihrer privaten Beschäftigung mit Musik?

Ich habe durch die Jahre immer bestimmte Werke, in die ich mich hineinverliebe. Die höre ich dann intensiv – früher bis die Schallplattennadel fast auf der anderen Seite wieder herauskam. Ich hörte mal über ein Jahr lang den »Ring des Nibelungen« von Richard Wagner – also wirklich komplette zwölf Monate! – oder die Schubert-Sinfonien oder Beethoven-Streichquartette. Ich stürze mich dann für eine gewisse Phase hinein, sodass meine Frau (studierte Opernsängerin) genervt fragt: »Kannst Du eigentlich auch noch etwas anderes hören?« Das ist dann aber einfach so, vermutlich meine Natur – so mache ich es auch bei anderen Dingen. Und dann tauche ich wieder auf und der Blick ist frei für etwas anderes.

Dem Wesen der Musik auf der Spur

musikschulwelt:  Würden Sie »Le sacre du printemps« zu Ihren persönlichen Lieblingswerken zählen?

Ich würde mir nie anmaßen, zu sagen: Das ist mein Lieblingswerk. Weil ich einfach feststelle, dass es viele Werke gibt, die alle auf ihre Art etwas Besonderes haben. Ich glaube, das ist etwas, was wir heute ein bisschen zu Unrecht tun: dass wir die Vielfalt und Differenziertheit der Musik über einen Nenner zu kämmen versuchen und dann fünf, vier oder drei Sterne vergeben. Im Fall von »Le sacre du printemps« beispielsweise ist mir wichtig zu verstehen: Was passiert hier? Viele Dinge in dieser Komposition sind fundamental – und Strawinsky hat sehr genau gewusst, was er macht. Das ist nicht emotionaler Ausdruck einer unklaren, diffusen Welt, sondern da ist er von einer großen Klarheit … und das sieht man dem Werk auch an. Insofern finden wir hier einen Steinbruch vor, an dem man das, was wirklich das Wesen von Musik ausmacht, an ganz vielen Dingen zeigen kann.

musikschulwelt:  Und in der Vermittlung dessen besteht im Konzertbetrieb aus Ihrer Sicht Nachholbedarf?

Klassik ist viel zu spannend, als dass sie nur von Anzugträgern goutiert werden sollte. Da gibt es vielleicht eine Parallele zu meinem medialen Schaffen: Als ich vor 30 Jahren anfing, wurde Wissenschaft eher professoral vermittelt. Die Leute trugen Anzug und Krawatte – manche verstanden sogar nichts von Wissenschaft, taten nur so. Und ich gehörte zu denen, die manches Mal Wissenschaft auch in Shorts vermittelten und genau dadurch versuchten, den Bereich für Menschen zu öffnen, die vielleicht nicht ad hoc sagen: Wissenschaft ist mein Ding.

Das heißt nicht, die Wissenschaft – oder in diesem Falle die Musik – zu verraten, sondern klarzumachen: Hier gibt es unzählige spannende Dinge, nur hatten viele Menschen – speziell in der klassischen Musik – bislang einfach nicht die Chance, einen entsprechenden Zugang zu gewinnen. Der ist allerdings auch sehr viel schwerer zu finden als der Zugang zu Pop oder sonstigen Musikformen. Ich glaube, man muss in gewisser Weise hineinwachsen: hören lernen, differenzieren lernen … Da gibt es mehr als genug, die bislang zu wenig an die Hand genommen wurden Und meine Hoffnung ist, diese Menschen zu gewinnen.

Offenheit nach allen Seiten

musikschulwelt: Neugier und Bereitschaft zur persönlichen Grenzerweiterung sind demnach wichtige Ingredienzien für den Erfolg Ihres Experiments?

Bei Markus Stenz und mir ist auf diese Weise in der Vorbereitung das Konzept jedenfalls schon voll aufgegangen – und wir hatten sehr viel Spaß. Offenheit ist einfach sehr hilfreich. Sehen Sie, mein Sohn ist Resident DJ im »3001« in Düsseldorf und legt dort House Music auf. Und ich finde das interessant und genauso wichtig, denn da reibt sich einiges. Auch diejenigen, die in der Klassik zu Hause sind, sollten ihre Ohren aufmachen, um festzustellen, dass es noch anderes gibt. Diese Offenheit ist etwas, was speziell bei uns zu gering ausgeprägt ist: Keine andere Kultur sonst unterscheidet zwischen E- und U-Musik. Dabei gibt es doch einfach nur gute und schlechte Musik.

 

Ein Beitrag aus der O-Ton-Reihe »Auch ich war Musikschüler …« von musikschulwelt.de Auch die Großen haben einmal klein angefangen. Ob am Instrument oder im Chor: Es sind oft unvergessliche Erinnerungen, die sich damit verbinden. musikschulwelt schaut gemeinsam mit Stars aus und jenseits der Musikszene auf deren ersten Gehversuche in der Musik.

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