Bahnhofsmission eines Cellovirtuosen

Alban_Gerhardt_Bahnhof 2013Kostenlos spielt Alban Gerhardt im Mai und Oktober 2013 an zwölf deutschen Bahnhöfen 

Bahnkunden und Bahnhofsbesucher werden demnächst Augen und Ohren machen, wenn sie in Hamburg, Bremen oder Hannover (21.5.) bzw. in Düsseldorf, Köln oder Frankfurt (22.5.) am Bahnsteig oder in der Wartehalle auf einen weltbekannten Cellisten treffen werden, der dort kostenlos in aller Öffentlichkeit spielt: »Bach im Bahnhof« nennt sich das Projekt, bei dem Alban Gerhardt pro Konzerttag jeweils an drei Bahnhöfen Halt macht. Nach Absolvierung eines rund einstündigen Auftritts (inkl. kurzer Pause zwischen den Suiten) setzt er sich dann anschließend in den Zug, um das nächste Tagesziel anzusteuern.

Heraus aus der »Wohlfühlecke« des Konzertsaals

Dem gebürtigen Berliner Alban Gerhardt ist der Virtuosenkult unserer Zeit suspekt. Er versteht sich vielmehr als Diener an der Musik und am Zuhörer, und so empfindet er Musikvermittlung als seine ganz persönliche Berufung, die ihn bewusst auch jenseits des Konzertsaals immer wieder (s)ein Publikum suchen lässt. Mit der aktuellen Deutschland-Tournee wird Gerhardt nun zum Weichensteller seiner als elitär wahrgenommenen Kunst unmittelbar in der Mitte der Gesellschaft, nämlich im Bahnhof. In den USA nennt man so etwas »Outreach«: Musik an und in der echten Wirklichkeit erproben, die Konfrontation der künstlerischen Klangkomposition mit den Geräuschen des Alltags suchen: Gerhardt wird für »Bach im Bahnhof« die Wohlfühlecke des Interpretenlebens verlassen und die Sicherheitsschranke zum Auditorium aufheben, um wirklich jedermann teilhaben zu lassen an der universellen Sprache der Musik.

Musikalische First Class ohne Zuschlag

Zugleich möchte er auf diesem Wege auch etwas zurückgeben an all jene in unserer Gesellschaft, die sich niemals ein (Konzert-)Ticket leisten: Einen Weltstar des Violoncellos kostenlos und hautnah seine Kunst ausüben zu sehen und zu hören, also musikalische First Class ohne Zuschlag – nichts weniger verspricht »Bach im Bahnhof«. Vor einem Jahr konnte Gerhardt bereits im Rahmen eines Eintages-Events, bei dem er alle sechs Suiten im Berliner Hauptbahnhof spielte, überraschende Einsichten gewinnen: »Ich war perplex, als sich dort Konzertatmosphäre ergeben hat, teilweise eine bessere als in manchen Konzerthallen.« Und dabei sei zuweilen eine »unmittelbarere Verbindung zum Publikum als in einigen Sälen« entstanden.

Die Bahn kommt … und ein Musiker von Weltformat mit ihr

»Nachdem ich ursprünglich eigentlich nur beweisen wollte, dass Bachs Musik auch für den ungeschultesten Hörer zum unerwartetsten Moment eine Erfüllung sein kann, so möchte ich nach meiner Erfahrung am Berliner Hauptbahnhof zeigen, dass sich der unwirklichste Ort durch Musik und Höreraufmerksamkeit in einen Konzertsaal verwandeln kann. Den Kommentar einer Hörerin, die sagte, sie hätte noch nie so konzentriert irgendwem und irgendetwas zugehört, weil sie durch die Störgeräusche des Umfeldes gezwungen war, alle Konzentration aufzuwenden, um der Musik Bachs tatsächlich ihr Gehör schenken zu können, werde ich nie vergessen. ›Bach im Bahnhof‹ als Konzentrationsübung fürs Zuhören, das hätte ich als Ziel niemals zu träumen gehofft und bin sehr gespannt, ob dies in Berlin nur eine Eintagsfliege war …«

Solche speziellen Umstände erfordern für den Musiker eine außergewöhnliche Konzentrationsleistung: »Ich muss viel tiefer in die Musik eintauchen«, betont Gerhardt, gerade auch weil er hier ja nicht »im gemachten Bett spiele«. Wie ernst ihm sein Anliegen ist, signalisiert nicht zuletzt seine Repertoirewahl: keine virtuosen Kabinettstückchen aus der Effekteküche, sondern mit Johann Sebastian Bachs Solosuiten die sog. »Bibel der Cellisten«, das Opus ultimum für dieses Streichinstrument: »Bachs Musik ist eine Verbindung von viel Gefühl und Herz mit
sehr viel Verstand.«

Das Projekt »Bach im Bahnhof« findet dann im Herbst 2013 mit den (Bahnhofs)Stationen München, Augsburg und Nürnberg (1.10.) sowie Leipzig, Dresden und Berlin (2.10.) seine Fortsetzung.

 

»Bach im Bahnhof« – Frühling 2013
Sechs Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach
21.05.2013 | Hamburg-Bremen-Hannover
Hamburg │ Dammtor │11.00 │ Suite I G-Dur BWV 1007 und Suite VI D-Dur BWV 1012
Bremen │ Hauptbahnhof │ca. 14.30 │ Suite II d-Moll BWV 1008 und Suite V c-Moll BWV 1011
Hannover │ Hauptbahnhof │ca. 18.00 │ Suite III C-Dur BWV 1009 und Suite IV Es-Dur BWV 1010
22.05.2013 | Düsseldorf-Köln-Frankfurt
Düsseldorf │ Hauptbahnhof │12.45 │ Suite I G-Dur BWV 1007 und Suite VI D-Dur BWV 1012
Köln │ Hauptbahnhof │ca. 15.30 │ Suite II d-Moll BWV 1008 und Suite V c-Moll BWV 1011
Frankfurt │ Hauptbahnhof │ca. 19.00 │ Suite III C-Dur BWV 1009 und Suite IV Es-Dur BWV 1010

 

»Bach im Bahnhof« – Herbst 2013
Sechs Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach
01.10.2013 | München-Augsburg-Nürnberg
München │ Hauptbahnhof │11.00 │ Suite I G-Dur BWV 1007 und Suite VI D-Dur BWV 1012
Augsburg │ Hauptbahnhof │ca. 13.30 │ Suite II d-Moll BWV 1008 und Suite V c-Moll BWV 1011
Nürnberg │ Hauptbahnhof │ca. 17.00 │ Suite III C-Dur BWV 1009 und Suite IV Es-Dur BWV 1010
02.10.2013 | Leipzig-Dresden-Berlin
Leipzig │ Hauptbahnhof │13.15 │ Suite I G-Dur BWV 1007 und Suite VI D-Dur BWV 1012
Dresden │ Hauptbahnhof │ca. 16.30 │ Suite II d-Moll BWV 1008 und Suite V c-Moll BWV 1011
Berlin │ Hauptbahnhof │ca. 21.45 │ Suite III C-Dur BWV 1009 und Suite IV Es-Dur BWV 1010

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte lösen Sie diese Aufgabe: * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.